Beflügelt vom Rotwein schenke ich dem geneigten Leser meiner Zeilen wieder einmal einen kleinen Einblick in das Innere meiner Hirnschale. Soeben sah ich die aktuelle Folge von „Dexter“, einer überaus interessanten Serie auf einem – mit Verlaub – sonst höchstens zweitklassigen Privatsender unserer ach-so-tollen, deutschen Medienlandschaft. Dass eben jene Serie aus Übersee stammt und auf einer Welle von Kriminalproduktionen mit schwimmt, beschert ihrem Unterhaltungswert aber überraschenderweise keinerlei Abbruch. Nein, Dexter ist anders. Dexter ist neu. Abseits von all den üblichen Bösewichten, die ihr täglich Brot mit allerlei Schurkereien verdienen, glänzt Dexter mit Köpfchen und Moral. Doch genug der Lobgesänge auf diesen fiktiven Charakter, darum geht es mir jetzt nicht.
Meine Bewunderung gilt dem Macher hinter dem Drehbuch. Oder sollte sie zumindest. Schließlich kenne ich den guten Mann (oder die gute Frau?) nicht persönlich und kann somit nicht abschließend festhalten, ob eben jene mysteriöse Person tatsächlich und bewusst tiefgründige Gedanken in ihre Arbeit einfließen lässt, oder ob es sich dabei schlichtweg um Effekthascherei mit hübschen Phrasen und vermeintlich überwältigenden Pseudo-Weisheiten handelt.
Wie dem auch sei, heute führte mich Dexter’s innerer Monolog dazu in den Spiegel zu schauen. Seiner Meinung nach, hat beinahe jeder von uns ein mehr oder minder dunkles Kapitel in seiner Vergangenheit, welches er um jeden Preis im Dunkeln bewahren möchte. Nun habe ich zwar nicht die sprichwörtlichen Leichen im Keller und auch ansonsten nicht mehr auf dem Kerbholz als der durchschnittliche Student, jedoch gibt es auch in meiner Vergangenheit den einen oder anderen Tag, den selbst ich fast schon vergessen bzw. gar verdrängt habe.
Einsicht ist der beste Weg zur Besserung. Das wäre also schon mal geschafft. Doch wie geht’s weiter? Was einmal getan wurde, kann in der Regel schlecht ungeschehen gemacht werden. Doch bleibt es dabei? Was geschieht, wenn mich die eine oder andere Jugendsünde in Zukunft einholt? Wie unangenehm es sein kann, wenn man ihr unerwartet auf der Straße begegnet, dürfte sich der eine oder andere mit Sicherheit lebhaft vorstellen können. Doch ich spreche nicht notwendigerweise von der einen, die man mal auf irgendeiner Party kennen gelernt hat, eigentlich recht unsympathisch, aber in den frühen Morgenstunden plötzlich doch sehr anziehend fand. Verglichen mit einigen Fauxpas ist dies wohl eher ein kleineres Übel und zieht in der Regel nicht mehr als einen verschämten Blick oder eventuell – je nach Persönlichkeit – sogar ein böses Wort in aller Öffentlichkeit nach sich.
Aber was wird aus den größeren Schandtaten des pubertären Hormonschocks? Gesetzesübertretungen verjähren in der Regel nach einiger Zeit (Tötungsdelikte mal ausgenommen. Wie bereits erwähnt, habe ich eben KEINE Leiche im Keller.) und stellen somit zumindest von offizieller Seite her keine Bedrohung mehr dar. Doch was kann schlimmer sein als ein durch staatlichen Hoheitsakt verhängte Strafe? Viele Straftäter stehen dem Gericht bis zum Schuldspruch und der Verkündung des Strafmaßes überraschend kaltschnäuzig gegenüber. Beobachtet man aber eben jene Delinquenten in einer Verhandlungspause oder nachdem die Verhandlung geschlossen wurde, stellt man überrascht fest, dass diese vermeintlich skrupellosen Schurken oftmals wie ein kleines verstörtes Schulkind in den Armen ihrer Mutti versinken. Das richtet sich jetzt nicht gegen die Muttis dieser Welt, sondern soll an dieser Stelle ausschließlich als Beispiel dafür dienen, dass eine Strafe – egal von welchem Gericht dieser Welt sie auch ausgesprochen werden mag – bedingungslos unabhängig davon ist, was unsere Mitmenschen von uns denken. Und unter diesen Mitmenschen gibt es eben nicht nur die Mütter, die beinahe alles verzeihen zu können scheinen, sondern auch solche, die eben keine Entschuldigung zulassen. Holt uns nun unsere Vergangenheit ein, dürfte eine offizielle Sanktionierung unter Umständen unser geringstes Problem sein. Was denken Freunde? Verwandte? Kollegen? Vielleicht sogar der Chef? Es ist beängstigend, auf wie vielen Wegen uns unsere Vergangenheit schaden kann. Aber wie lässt sich das Schlimmste vermeiden? Gar nicht. Das mag zwar hart klingen, dürfte aber produktiver sein als die Rosarote Brille und der naive Glaube daran, dass am Ende doch sowieso immer alles Gut enden muss.
Ein Patentrezept mit seinen Sünden umzugehen, vermag auch ich nicht zu bieten. Ich weiß nur, dass ich im Ernstfall einige gute und schlüssige Erklärungen benötige um mein Handeln zumindest nachvollziehbar zu machen. Dass ich Verständnis oder gar Vergebung nicht zu erwarten habe, dessen bin ich mir bewusst und werde mich hüten auch nur darauf zu hoffen. Ebenso wenig werde ich versuchen all meine Lasten loszuwerden, indem ich sie aufarbeite. Würde ich alte Wunden wieder aufreißen, würde es den Betroffenen mit Sicherheit nicht ohne Umschweife eine Besserung bescheren. Ob es mir selbst helfen würde meine Schuld abzulegen sei ebenso dahin gestellt. Mir bleibt also nur die Erhaltung des status quo und der unbedingte Wille mich stetig zu verbessern. Ich kann nur meine Lehren aus der Vergangenheit ziehen und mit aller Kraft daran arbeiten, dass in 10 Jahren mein Repertoire an düsteren Kapiteln immer noch auf dem heutigen Stand sein wird.
Die Lage ist zwar aussichtslos, aber zum Glück noch nicht ernst.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Ich empfehle mich und verbleibe mit unschuldigem Gruße.
Karl Prall